Lesebühne Kreis mit Berg

Hamaskritik

Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 gibt es etliche Personen in meinem Umfeld, die die Chance genutzt haben und richtig gute Israelkritiker geworden sind. Ich finde ja, der einzig legitime Grund, Israel zu kritisieren, ist Ottolenghi. Israel hätte diese Kochbücher verhindern müssen. Aber das haben die Israelkritiker leider überhaupt nicht auf dem Schirm. Stattdessen kritisieren Israelkritiker auch ganze gerne die NATO, und die eifrigsten unter ihnen sind schon alte Kritikveteranen der Impfdiktatur.
Meine katholische Freundin und ich leben dagegen ein zumeist sehr unspektakuläres Kritikkonzept. Einer von uns (ich glaube, meine Freundin wars) muß mit dieser tendenziell positiven Haltung gegenüber Demokratien und dem Vertrauen in das Funktionieren ihrer Institutionen angefangen haben. Deshalb bevorzugen wir eher die Hamaskritik. Zugegeben, Hamaskritik ist jetzt nicht so cool wie Israelkritik, die derzeit an den Unis sehr gefragt ist. Terroristen zu kritisieren, die foltern, vergewaltigen und morden, schön und gut, das kann aber im Grunde jeder. Solche Taten sind ja auch nicht wirklich dafür bekannt, sehr sympathisch zu wirken. Gibt auch gar keine guten Bilder davon. Zumindest auf den ersten Blick. Als Hamaskritiker hat man sich eben mal wieder für das Offensichtlichste entschieden.

Der Israelkritiker ist da durchaus subtiler. Er läßt sich von 1700 ermordeten Israelis nicht gleich ins Bockshorn jagen. Als ich nach dem 7. Oktober den Beitrag meiner Freundin teilte, der eine Solidaritätsbekundung mit den Opfern der Hamas enthielt, war sofort ein Israelkritiker zur Stelle und postete darunter: „Das aktuelle Geschehen im nahen Osten ist praktisch ein Gesamtversagen der Weltpolitik der vergangenen 70 Jahre. Ein dauerhafter Frieden scheint ohne die Berücksichtigung arabischer Interessen nicht möglich zu sein.“ Als Hamaskritiker steht man nun ziemlich blöd da. Natürlich, mal wieder die Vorgeschichte. Die Vorgeschichte ist ja schon bei Putin relevant gewesen, der ihretwegen notgedrungen die Ukrainer umbringen lassen muß. Und ich ließ mich von den 1700 brutal von der Hamas ermordeten Menschen gleich so beeindrucken, daß ich das nicht ohne Umschweife sofort als Folge des Gesamtversagens der Weltpolitik und der israelischen Siedlungspolitik seit 70 Jahren einordnen konnte. Womöglich ist es noch Ausdruck meines latenten antimuslimischen Rassismus, daß ich mich mit Israel solidarisch erklärte. Da könnte ich auch gleich die AfD wählen.
Neulich postete ein anderer Israelkritiker eine Grafik. Auf der einen Seite sieht man einen winzigen Balken mit der Zahl 1700, auf der anderen Seite einen großen Balken mit 30000. Daß ich in Mathe nie gut war, zeigte sich nun mal wieder. Dabei ist es doch eine einfache Plusminusrechnung, die sich in der folgenden Sachaufgabe darstellen läßt. 1700 koloniale Unterdrücker auf der einen Seite, über 30000 Frauen und Kinder auf der anderen Seite, rechne den Unterschied aus, und begründe, warum den Palästinensern übler mitgespielt wird in diesem Konflikt.
Als Hamaskritiker neige ich dann manchmal auch noch dazu, Israelkritiker als Antisemiten zu bezeichnen. Ich weiß, das ist keine gute Verhaltensweise von mir. Ein Facebookfreund – ein verdienter Künstler, den allerdings Sorgen umtreiben – postete unter der Überschrift „Genozid oder Existenzrecht!“ einen israelkritischen Meinungsbeitrag. Daraufhin kommentierte ein anderer das mit: „RESPEKT! Du wagst es tatsächlich die israelische Regierung zu kritisieren. In Deutschland ist es leider ein absolutes NoGo Israel als Staat oder Juden als Religion zu kritisieren. Tut man dieses, ist man automatisch ein Nazi. Betrachtet man die Geschichte, gibt es Vorbehalte gegenüber der jüdischen Religionsgemeinschaft seit Anbeginn unserer Zeitrechnung. Warum wohl?“
Ich habe dann den, der diesen Kommentar abgegeben hat, als Antisemit bezeichnet. Was soll ich sagen, das kam bei dem so Bezeichneten überhaupt nicht gut an. Ich erhielt auch prompt folgende Antwort: „Wenn mich ein studierter Politwissenschaftler so bezeichnet betrachte ich das mal als Auszeichnung. Politwissenschaftler sind doch diese „Akademiker“ die mit Vorliebe im Bundestag rumoxidieren und es als persönlich Lebensleistung betrachten unfallfrei mit Messer und Gabel essen zu können.“ Dummerweise hat es bei mir nicht für den Bundestag gereicht. Mit Messer und Gabel kann ich aber wirklich sehr gut umgehen.
Klar, es ist ein hartes Wort, das Wort Antisemit. Das kann schon sehr kränkend sein. Und ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich könnte mir vorstellen, daß, wenn Adolf Hitler einfach so als Antisemit bezeichnet worden wäre, er durchaus von einer berechtigten Judenkritik seinerseits gesprochen hätte. Ich meine, um die Frage von oben nochmal aufzugreifen: Warum gibt es Vorbehalte gegenüber der jüdischen Religionsgemeinschaft seit Anbeginn unserer Zeitrechnung? Darüber sollten wir – insbesondere auch ich als Hamaskritiker – mal ernsthaft nachdenken. (Kleiner Tipp: Vermutlich, weil sie Jesus ermordet haben und bekanntlich Kinderblut trinken. Nur mal so, als Hypothese.)